Dykes* auf die Straße gegen den Faschismus!

Als Dykes* spüren wir die Gefahr von Rechts in unserer Gesellschaft unmittelbar: in unserem Alltag, an unseren Körpern, in unseren Communities. Unsere hart erkämpften Rechte werden angegriffen, patriarchale Gewalt und Diskriminierung nehmen zu. Von Beleidigungen auf der Straße, über Ausschlüsse aus der Familie, bis hin zu Repressionen gegen linke Proteste. Besonders unsere trans* Geschwister spüren, was es bedeutet, wenn Errungenschaften wie das Selbstbestimmungsgesetz bedroht werden. Während der deutsche Staat Milliarden in Militarisierung investiert, wird überall sonst gekürzt. Die soziale Infrastruktur wird immer weiter abgebaut, Arbeitnehmer*innenrechte wie der 8-Stunden-Tag werden angegriffen. 

Diese Kürzungen treffen besonders BIPoC Dykes*, Frauen, trans*, nichtbinäre und queere Menschen sowie arme Menschen, Menschen mit Migrationsgeschichte, Menschen mit Behinderungen, Neurodivergenz, chronischen und/oder psychischen Erkrankungen. Das lassen wir uns nicht gefallen. Wir gehen laut und unüberhörbar auf die Straße: für eine Gesellschaft ohne patriarchale Gewalt und Diskriminierung, für eine Gesundheitsversorgung für alle, für das Recht auf Abtreibung und körperliche Selbstbestimmung, für ein Adoptionsrecht, das lesbische Lebensrealitäten mitdenkt, gegen Sozialabbau, gegen Sonderregister für queere Menschen und gegen alle, die unsere Rechte angreifen. Wir gehen nicht nur auf die Straße, um zu verteidigen, was wir gewonnen haben, sondern um Befreiung für alle zu erkämpfen. 

Dyke* Marches sind historisch aus selbstorganisierten queeren und feministischen Kämpfen entstanden und stehen für kollektive Fürsorge. Viele Menschen in unserer Community erleben die Polizei nicht als Schutz, sondern als Institution, die bestehende Machtverhältnisse reproduziert und insbesondere rassifizierte, migrantische, queere und trans* Personen angreift. Wir wenden uns gegen diese staatliche Repression, Racial Profiling und Polizeigewalt. Gleichzeitig wissen wir, dass wir uns im öffentlichen Raum unter Bedingungen bewegen, die wir nicht vollständig kontrollieren können. Uns ist wichtig, dass wir gemeinsam alles dafür tun, dass möglichst viele Dykes* sicher am Dyke* March teilnehmen können. Wir achten aufeinander, briefen unsere Ordner*innen dahingehend, haben eine Awareness-Struktur und stellen uns voreinander. Unser Anspruch ist es, Sicherheit so weit wie möglich gemeinsam selbst zu organisieren durch Solidarität, Awareness, gegenseitige Unterstützung und kollektive Verantwortung.

Jede Person, die sich als Dyke* versteht, ist herzlich eingeladen, Teil des Dyke* Marches zu sein. Diese Selbstpositionierung wird von uns nicht infrage gestellt.

Dyke* zu sein, ist und war schon immer widerständig und hat sich gegen Geschlechternormen gestellt. Dyke* zu sein, heißt leben und begehren zu können auf eine Art, die sich patriarchalen, cis-heteronormativen Vorstellungen widersetzt.

Dykes* aller geschlechtlichen Identitäten und Ausdrucksformen – darunter trans*, nicht-binäre, inter* und gender-nonkonforme Dykes* – und aller sexuellen Orientierungen – darunter lesbisch, bi*, pan*, aromantisch und oder asexuelle Dykes* – sind ausdrücklich eingeladen. Sichtbar mitgemeint sind außerdem Butches, Femmes, maskuline Dykes*, feminine Dykes* und Studs – ihnen verdanken wir vieles von dem, was dykische* und lesbische Geschichte und Kultur ausmacht. Besonders sichtbar machen wollen wir Perspektiven, die auch innerhalb queerer Räume mehrfach marginalisiert werden: BIPoC Dykes*, jüdische Dykes*, Rom*nja und Sinti*zze Dykes*, behinderte, chronisch kranke und neurodivergente Dykes*, migrantische, geflüchtete und illegalisierte Dykes*, muslimische und religiös marginalisierte Dykes*, sexarbeitende Dykes*, arme, prekär lebende und wohnungslose Dykes*. Diese Aufzählung ist weder vollständig noch abschließend.

Solidarität von Verbündeten ist wichtig. Der Dyke* March versteht sich jedoch in erster Linie als Ort für Sichtbarkeit von Dykes*, Gemeinschaft und politischen Widerstand. Deshalb bitten wir cis endo Männer, dem March solidarisch fernzubleiben und ihre Unterstützung im Alltag und in politischen Kämpfen sichtbar werden zu lassen.

Sexarbeitende Dykes* waren und sind Teil unserer Community und unserer Kämpfe. Wir lehnen politische Projekte ab, die Sexarbeitende entmündigen, stigmatisieren, kriminalisieren oder aus feministischen und queeren Räumen ausschließen. Wir laden ausdrücklich alle Dykes* in der Sexarbeit ein mit uns zu demonstrieren. Wir wenden uns gegen das Verwischen der Unterschiede zwischen patriachaler Gewalt und Sexarbeit als einer nicht immer schönen und empowernden Arbeit im Kapitalismus neben anderen. Wir sehen, dass die erlebte sexualisierte Gewalt gegen Sexarbeiter*innen politisch oft gegen sie verwendet wird.  

Wir verurteilen sexualisierte Gewalt und Unterdrückung, die Menschen im Kontext von Kriegen, Genoziden, queerfeindlicher Verfolgung, auf der Flucht und in Kirchen und Unternehmen erleben. Betroffene sexualisierter Gewalt werden in Deutschland nach wie vor stigmatisiert und erfahren Formen der Pathologisierung, während auf ihre psycho-sozialen Bedürfnisse oft nicht eingegangen wird. Der rechtliche Schutz ist lückenhaft, die Hürden für Prozesse sind hoch und selbst wenn es zu Verhandlungen vor Gericht kommt, sind die Abläufe und Strukturen nicht an den Bedürfnissen von Betroffenen ausgerichtet. Vor Gericht haben sie geringste Chancen auf Erfolg und werden respektlos behandelt. Verantwortungsübernahme muss hergestellt werden und Betroffene müssen endlich die Unterstützung erfahren, die sie brauchen.

Wir verstehen Solidarität nicht als Wettbewerb. Leid ist nicht gegeneinander aufzurechnen – unterschiedliche Erfahrungen von Krieg, Verfolgung, Armut und Gewalt bestehen gleichzeitig und nebeneinander. Wir lehnen jede Politik ab, die Befreiungskämpfe gegeneinander ausspielt oder Solidarität selektiv macht. Wir solidarisieren uns mit queeren Menschen, Frauen und Marginalisierten weltweit – mit Menschen unter rechtsextremen und autoritären Regierungen im Iran, in Afghanistan und Russland und anderswo. Doch auch in Europa ist die Situation für Queers gefährlich: Transgeschlechtliche Antifaschist*innen werden in Ungarn in Einzelhaft gesperrt, in Polen waren bis vor Kurzem sogenannte “LGBT-freie Zonen” eingerichtet und auch hierzulande steigt die Gewalt gegen LGBTQIA+ Personen und die Angriffe auf CSDs weiter an. Wir solidarisierung uns mit trans* und queeren Menschen in der Ukraine und im Libanon, deren Leben durch Krieg und Angriffe von außen bedroht wird. Mit Menschen auf der Flucht, Menschen in Armut, Menschen ohne sicheren Aufenthaltsstatus. Wir wenden uns gegen die Kriminalisierung von Schutzsuchenden und gegen jede Politik, die Menschen auf der Flucht als Bedrohung darstellt. Wir verurteilen die Genozide in Gaza, im Sudan, in Myanmar und in der Demokratischen Republik Kongo mit all ihren verheerenden Folgen für Menschen und Gesellschaften. Wir solidarisieren uns mit allen Dykes*, die von Krieg, Vertreibung und Vernichtung betroffen sind. Der Dyke* March soll ein Ort sein, an dem auch palästinensische und palästinasolidarische Dykes* kämpfen und trauern können. Wir solidarisieren uns auch mit allen Frauen und LGBTQIA+ Personen, die in Rojava unermüdlich für die Freiheit aller unterdrückten Geschlechter und Völker kämpfen und den militärischen Angriffen durch den türkischen Staat und die syrische Übergangsregierung trotzen.

Jüdische Dykes* sind selbstverständlicher Teil unserer Community. Ihr Schutz, ihre Sicherheit und Sichtbarkeit sind für uns nicht verhandelbar. Antisemitismus ist in Deutschland und weltweit ein reales und wachsendes Problem, dem wir uns entschieden entgegenstellen. Jüdisches Leben wird gerade in Deutschland bedroht, angegriffen und instrumentalisiert – auch innerhalb linker und queerer Räume. Antisemitische Äußerungen, Symbole oder Verschwörungserzählungen haben auf dem Dyke* March keinen Platz. Die Solidarität mit Palästina und der Kampf gegen Antisemitismus stehen für uns nicht im Widerspruch. 

Der Dyke* March ist ein Ort unterschiedlicher politischer Positionierungen. Wir kommen aus diversen Kontexten, haben teils verschiedene oder widersprüchliche Perspektiven und führen intensive Diskussionen – auch zu schwierigen Fragen. Politische Differenzen müssen hier nicht verschwinden. Was uns verbindet, sind gemeinsame Prinzipien: gegenseitiger Respekt, Solidarität mit marginalisierten Menschen und die Ablehnung jeder Form von Menschenfeindlichkeit.

Wir wissen, dass wir keine Kontrolle darüber haben, wer auf eine öffentliche Demonstration kommt. Wir wollen jedoch gemeinsam Verantwortung füreinander übernehmen und einen Ort schaffen, an dem solidarische Bündnisse entstehen und gemeinsamer Widerstand möglich wird – gegen Faschismus, Frauenfeindlichkeit, Queerfeindlichkeit und Transfeindlichkeit und für das Erinnern und Sichtbarmachen lesbischer, dykischer* und queerer Geschichte.

Wir verstehen den Kampf gegen Faschismus nicht als abstrakte politische Position, sondern als notwendige Voraussetzung für unsere Freiheit. Deswegen gehen wir auf die Straße – gemeinsam, laut und unübersehbar. Unsere Existenz ist Widerstand!